Transparenzhinweis: Ich habe ein Rezensionsexemplar des Buches erhalten. Meine Meinung bleibt davon unabhängig.
Ich durfte das neue Buch von Mimi Lawrence lesen: „Ich habe alles im Griff – und genau das ist das Problem“. Schon der Titel trifft es auf den Punkt, weil er einen Zustand beschreibt, den vermutlich viele Frauen kennen: Nach außen funktioniert alles, man organisiert, denkt mit, hält durch, übernimmt Verantwortung und versucht, den Alltag irgendwie zusammenzuhalten. Gleichzeitig verliert man dabei oft immer mehr den Kontakt zu sich selbst und merkt erst spät, wie erschöpfend dieses ständige Funktionieren eigentlich ist.
Das Buch richtet sich an Frauen, denen es schwerfällt, Nein zu sagen, die viel Mental Load tragen, zu Perfektionismus neigen und ihre eigenen Grenzen kaum noch spüren. Es geht um Frauen, die gelernt haben, lieb, stark, verständnisvoll und zuverlässig zu sein und die Bedürfnisse anderer oft schneller wahrnehmen als die eigenen. Mimi Lawrence beschreibt anhand verschiedener Geschichten sehr anschaulich, wie sich diese Muster durch Beziehungen, Mutterschaft, Freundschaften, Arbeit, Kommunikation und das eigene Selbstbild ziehen können. Viele Frauen funktionieren lange weiter, bis sie irgendwann an einen Punkt kommen, an dem der Körper oder die Psyche nicht mehr mitmachen.
Besonders schön fand ich, dass Mimi verschiedene Lebensrealitäten von Frauen aufgreift. Sie schreibt über Mütter, die Kinder, Haushalt, Arbeit und Beziehung im Blick behalten, über Frauen, die sich nicht trauen, klar zu kommunizieren, und über Frauen, die viel interpretieren, viel übernehmen und sich irgendwann fragen, warum sie eigentlich so erschöpft sind. Dabei werden auch Themen wie Bindung, Kommunikation und unterdrückte Gefühle behandelt. Vor allem Wut spielt eine wichtige Rolle, denn viele Frauen haben nicht gelernt, mit ihrer Wut gesund umzugehen. Sie wurde oft als unbequem, undankbar oder zu viel bewertet, weshalb sie geschluckt, weggelächelt oder rationalisiert wird, bis sie sich irgendwann gegen einen selbst richtet.
Für mich passt das Buch auch gut in den Kontext der Wechseljahre, weil diese Lebensphase häufig mit einem tieferen Hinterfragen verbunden ist. Nicht nur wegen der körperlichen Veränderungen, sondern auch, weil sich Prioritäten verschieben und viele Frauen merken, dass alte Rollenbilder und das bisherige Funktionieren nicht mehr passen. Der Archetyp der Mutter tritt langsam zurück und es entsteht Raum für eine andere weibliche Qualität. Für mich ist das die Energie der Alchemistin: eine Frau, die beginnt, ihre Erfahrungen, Prägungen und Verletzungen bewusster zu betrachten und daraus etwas Neues entstehen zu lassen.
Auch die Schwesternwunde klingt für mich in einigen Aspekten an. Frauen können sich gegenseitig unglaublich stärken, aber sie können sich auch das Leben schwer machen, etwa durch Bewertung oder Konkurrenz. Gerade deshalb finde ich es wertvoll, wenn Bücher nicht nur individuelle Muster betrachten, sondern auch zeigen, wie sehr Frauen durch Beziehung, Vergleich und gesellschaftliche Erwartungen geprägt werden.
Was ich an dem Buch mochte, ist, dass Mimi Lawrence sich selbst nicht ausklammert. Sie erzählt ganz offen und ehrlich von ihrer eigenen Geschichte, ihren Mustern und ihren Erkenntnissen. Dadurch wirkt das Buch authentisch und nahbar, ohne belehrend zu sein. Gleichzeitig hält sie ihren Leserinnen einen Spiegel vor. Gesellschaftliche Prägungen, Mental Load und weibliche Rollenerwartungen spielen eine große Rolle, aber irgendwann kommen wir auch an den Punkt, an dem wir ehrlich auf unseren eigenen Anteil schauen dürfen. Wo sage ich Ja, obwohl ich Nein meine? Wo übergehe ich meine eigenen Grenzen? Wo erwarte ich, dass andere spüren, was ich selbst nicht ausspreche? Wo halte ich an einem Bild von mir fest, das mich eigentlich erschöpft?
Diese Fragen sind nicht als Schuldzuweisung zu verstehen, sondern als Einladung zur Selbstverantwortung. Denn Selbstverantwortung bedeutet nicht, dass wir selbst schuld sind an allem, was uns geprägt hat. Sie bedeutet vielmehr, dass wir heute beginnen dürfen, anders mit uns umzugehen. Mimi beschreibt dabei auch ihren eigenen Weg aus dem Kreislauf von Funktionieren, Nicht-Nein-sagen-können und Es-allen-recht-machen-wollen.
Genau das macht das Buch für mich wertvoll. Wir sehen von anderen Menschen immer nur einen Ausschnitt und nie die ganze Geschichte. Auch Menschen, die erfolgreich, schön, souverän oder scheinbar unangreifbar wirken, tragen ihre Themen, Verletzungen und inneren Kämpfe mit sich. Diese Ehrlichkeit tut gut, weil sie daran erinnert, dass wir nicht falsch sind, nur weil wir manchmal nicht mehr können oder nicht alles perfekt läuft. Am Ende tragen wir alle unser Päckchen. Es ist kein Zeichen von Schwäche, Hilfe anzunehmen, sondern von Stärke und Selbstverantwortung.
„Ich habe alles im Griff – und genau das ist das Problem“ lässt sich angenehm lesen und lädt zum Reflektieren ein. Für mich ist es kein Ratgeber, der einem noch mehr To-dos mitgibt, sondern ein Buch, das Fragen aufmacht und Frauen darin bestärken kann, wieder ehrlicher mit sich selbst zu werden. Gleichzeitig zeigt es, dass es vielen anderen genauso geht.
Daher klare Leseempfehlung!