Wut hat keinen besonders guten Ruf. Vor allem nicht bei Frauen.
Während Traurigkeit oft Mitgefühl hervorruft und Angst als menschlich gilt, wird Wut schnell als unangenehm empfunden. Sie macht andere nervös. Sie stört die Harmonie. Sie stellt Fragen, die vielleicht niemand hören möchte. Und sie fordert uns auf hinzuschauen, wo wir lieber wegsehen würden.
Ich selbst hatte nie große Schwierigkeiten damit, Wut auszudrücken. Wenn mich etwas ärgert, dann merke ich das. Und meistens spreche ich es auch aus. Mein Gegenüber weiß in aller Regel, woran es ist. Mein Mann, meine Freunde und Kollegen kennen das schon ;).
In meiner Arbeit mit Frauen begegnet mir jedoch immer wieder etwas anderes. Viele Frauen haben verlernt, ihre Wut überhaupt wahrzunehmen. Sie können Trauer fühlen, Schuld empfinden oder sich Sorgen machen. Doch sobald Wut auftaucht, wird sie sofort relativiert, erklärt oder nach innen gerichtet.
Da ist die Frau, die immer wieder über ihre eigenen Grenzen geht und trotzdem Verständnis für alle anderen aufbringt. Die Frau, die sich erschöpft fühlt, aber nicht sagen kann, worüber sie eigentlich wütend ist. Die Frau, die spürt, dass etwas nicht stimmt, sich aber schuldig fühlt, sobald sie ihre Bedürfnisse ernst nimmt.
Oft habe ich den Eindruck, dass wir Frauen gelernt haben, mit fast jeder Emotion umzugehen, nur nicht mit Wut.
Vielleicht liegt das daran, dass viele von uns schon früh erfahren haben, dass Wut unerwünscht ist. Mädchen sollen lieb sein, verständnisvoll, rücksichtsvoll und sozial. Sie sollen Konflikte lösen, nicht verursachen. Sie sollen sich anpassen, vermitteln und zusammenhalten. Am besten einfach nicht auffallen.
Natürlich wird das selten so direkt ausgesprochen. Dennoch bekommen viele Mädchen genau diese Botschaften vermittelt. Wer laut wird, gilt schnell als schwierig. Wer sich abgrenzt, als egoistisch. Wer widerspricht, als respektlos. Mir wurde auch schon gesagt, ich solle nicht so negativ sein oder aufpassen, was ich sage, weil mir das auf die Füße fallen könnte.
Mit der Zeit lernen viele Frauen deshalb, ihre Wut herunterzuschlucken, zu unterdrücken oder gar nicht erst wahrzunehmen.
Das Problem ist nur, dass Wut nicht verschwindet, auch wenn wir sie noch so sehr ignorieren.
Sie schlummert dann irgendwo in uns und staut sich an (hallo Leberthema!). Und eines ist sicher: sie bleibt.
Manchmal zeigt sie sich als innere Unruhe, in Gereiztheit oder schlicht Unwohlsein. Manchmal als das Gefühl, ständig funktionieren zu müssen. Oder wir spüren nur noch, dass wir erschöpft oder traurig sind, ohne genau sagen zu können, warum.
Dabei erfüllt Wut eine wichtige Funktion. Sie ist nicht einfach eine unangenehme Emotion, die möglichst schnell verschwinden sollte. Sie macht uns auf etwas aufmerksam. Häufig weist sie uns darauf hin, dass eine Grenze überschritten wurde oder dass etwas nicht mit unseren Bedürfnissen und Werten übereinstimmt.
Wenn wir lernen, Wut nicht sofort wegzuschieben, sondern ihr zuzuhören, kann sie zu einer wertvollen Verbündeten werden.
In diesem Zusammenhang möchte ich an die Arbeit von Clarissa Pinkola Estés und die Wolfsfrau erinnern.
Die Wolfsfrau verkörpert die wilde, instinktive Natur der Frau. Jenen Teil in uns, der spürt, wenn etwas nicht stimmig ist. Der weiß, wann eine Grenze erreicht ist. Der sich nicht dauerhaft gegen die eigene Wahrheit stellen und diese auch nicht ignorieren kann.
Die Wut der Wolfsfrau ist nicht unkontrolliert zerstörerisch. Sie dient dem Schutz dessen, was wichtig ist.
Sie schützt unsere Würde, unsere Integrität und unsere Lebendigkeit. Sie erinnert uns daran, wenn wir uns selbst verlassen haben oder unser Grenzen überschritten wurden. Sie macht sichtbar, wo wir uns zu lange angepasst haben und wo wir Dinge tolerieren, die uns eigentlich nicht guttun.
Gerade deshalb halte ich es für problematisch, wenn Spiritualität ausschließlich mit Liebe, Licht und Positivität verbunden wird. Natürlich sind Mitgefühl, Vergebung und Verbundenheit wertvolle Qualitäten. Doch sie sind nur ein Teil des Menschseins.
Zu einem gesunden, lebendigen Menschen gehören auch Wut, Entschlossenheit und die Fähigkeit, Nein zu sagen.
Wer ausschließlich im Licht leben möchte, verliert irgendwann den Kontakt zu den Anteilen, die Grenzen setzen und für Veränderung sorgen.
Dabei sind es oft gerade diese Anteile, die uns helfen, psychisch gesund zu bleiben.
Eine Frau, die Zugang zu ihrer Wut hat, muss nicht ständig kämpfen. Sie muss nicht extra laut dafür werden und auch nicht aggressiv. Doch sie hat die Möglichkeit, für sich einzustehen. Sie kann wahrnehmen, wenn etwas nicht stimmt. Sie kann Entscheidungen treffen, die ihrer Wahrheit entsprechen. Und andere werden spüren, dass ihre Grenzen ganz klar und unverrückbar sind.
Für mich bedeutet psychische Gesundheit deshalb nicht, immer ausgeglichen oder positiv zu sein. Es bedeutet vielmehr, mit der gesamten Bandbreite menschlicher Emotionen in Kontakt zu sein. Auch mit den unbequemen.
Wir sollten keine Angst vor Wut haben.
Wir sollten eher Angst davor haben, den Kontakt zu ihr zu verlieren und sie nicht mehr zu spüren.
Denn manchmal zeigt sie uns den Weg zurück zu uns selbst.
Und manchmal weiß die Wolfsfrau in uns längst, was wir tief im Inneren schon gespürt haben.
Die Wolfsfrau – Clarissa Pinkola Estés